Vom Handmähen und Loslassen

 

 

Als ich im ersten Sommer das Handmähen kennenlernte, hatte ich es mir viel einfacher vorgestellt. Da bei meinen Eltern alles topfeben ist, kannte ich die Sense nur vom Museum her. Allerdings hat Handmähen Tradition in der Familie meines Mannes. Daher wollte ich es unbedingt lernen.

Nach mühevollen Stunden, einer ziemlich ramponierten Sense und Gedanken ans Aufgeben, entdeckte ich, dass es die gleiche Technik wie beim Geige spielen braucht:

Es braucht Druck und Zug: Es braucht den richtigen Druck und es braucht den Moment des Loslassens. Bei der Geige kommt ein schöner Ton, wenn Druck und Zug ineinander übergehen.

Beim Mähen lässt sich das Gras nicht krampfhaft niederschlagen, sondern nur im Schwung mitnehmen.

Die richtige Mischung aus Druck, Etwas Erreichen wollen und Loslassen, welche Ähnlichkeit zum Leben.

Krampfhaftes Streben nach Lebenszielen wie Macht, Geld und Besitz um jeden Preis gibt uns die Illusion, wir könnten alles aus eigener Kraft erreichen. Oft werfen uns aber Schicksalsschläge schnell wieder zurück. Tief enttäuscht müssen wir dann erkennen, das Wichtiges wie Gesundheit und die Länge unseres Lebens nicht kontrollierbar sind.

In einem Gleichnis gibt Jesus ein aufrüttelndes Beispiel:

Ein Bauer prahlt vor Gott, wie viele Scheunen er bereits besitzt und gefüllt hat. Er sieht nur die vollen Scheunen und will immer mehr. Doch Gott gibt ihm eine mahnende Antwort: «Du Tor, noch in dieser Nacht werde ich Dir Dein Leben nehmen.»

Es ist keine göttliche Drohung, sondern ein Wachrütteln:

Mensch denk daran, dass Du nur ein Leben hast und nicht weisst, wie viele Tage Dir geschenkt sind.

Nütze sie, versuch etwas zu erreichen, aber nicht nur für Dich allein und lass los, was Dich krank und unzufrieden macht.

Die Sense ist dabei ein weises Werkzeug.

Ohne richtigen Stand gibt es im schwierigen Gelände keinen Halt und keinen richtigen Schnitt. Ohne ein gutes Tempo, einen Rhythmus ist man bald erschöpft. Mit Hektik und Verkrampftheit wird schnell ein Stein übersehen, was den Schliff, die Kraft nimmt. 

Ohne Wetzen, ohne Aufladen der eigenen Kraft, Pflege, Erholung nimmt die schwungvoll begonnene Arbeit schnell ein Ende. Kommt dazu, dass das rechte Mass den Schnitt bestimmt, nicht zu gross, um die Ausdauer nicht zu verlieren. Bei all dem darf die Aufmerksamkeit für den Moment nicht fehlen.

Immer im Hier und Jetzt leben, so drücken es viele Mystiker aus.

Loslassen, was einem die innere Ruhe nimmt, sich auf die eigene Kraft besinnen, aber auch die eigenen Grenzen erkennen. Immer vor Augen: Was ist das richtige Mass von Zug und Druck für mich, von Kämpfen und Loslassen von Arbeiten und Ausruhen, von Gebet und Einsatz für andere. Voller Vertrauen, dass Gottes Kraft da ist.

Allen wünsche ich dieses Gleichgewicht, das richtige Mass und Offenheit für Gottes Spuren im Leben.

Denn nicht nur beim Handmähen gilt: Schlagkraft allein ist noch lange nicht alles.

Maria Thöni
 
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